Angelika Hinterbrandner, Wissenschaftliche Büroleiterin im Deutschen Bundestag für den Sprecher für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen, Kassem Taher Saleh, Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, unterstützt ProjectTogether für die Bauwende Allianz als Fellow. Im Interview spricht Angelika darüber, warum die sozialen und ökologischen Dimensionen des Bauens zusammen gedacht werden müssen und wie eine entsprechende Wohnungspolitik das Vertrauen in Demokratie stärken kann.
Liebe Angelika, Du bringst viele Rollen in die Bauwende ein – als Beraterin, Journalistin und Wissenschaftliche Büroleiterin im Bundestag. Jetzt unterstützt Du auch die Bauwende Allianz als Fellow. Wie kam es dazu?
Über eine Empfehlung von Robert Peter, der bei ProjectTogether die Allianz für den Staat von morgen, Re:Form, co-initiiert hat, kam ich mit Luisa Seiler, Mission Lead der Bauwende Allianz, ins Gespräch. Luisa hat mich dann auch direkt zum ersten Bauwende Allianz-Retreat eingeladen. Das war für mich der Auftakt zur Zusammenarbeit.
Die Energie im Retreat war hands-on: Ich fand es total großartig, wie schnell ProjectTogether sehr unterschiedliche Menschen konstruktiv und umsetzungsorientiert an einen Tisch bringt. Heute arbeite ich im Bundestag im Bereich der Bau- und Wohnungspolitik und teile das Wissen, das ich mir in dieser Rolle aneigne, mit meinem Netzwerk. Das passt gut zur Herangehensweise von ProjectTogether: kooperationsstark, lernbereit und lösungsorientiert voranzugehen, mit der Haltung und Zielsetzung, Lösungen zu testen, zu verbessern und zu skalieren.
Was machst Du in Deiner Rolle als Fellow konkret? Was möchtest Du mit Deinem Engagement bewirken?
Ganz grundsätzlich geht es mir darum, sozial und klimagerechtes Bauen voranzutreiben und dafür neue Allianzen zu schmieden, die wirklich ins Handeln kommen. Nicht auf der theoretischen Ebene zu verharren, sondern Wandel zu ermöglichen.
Deshalb kuratiere ich in meiner Rolle als Fellow gemeinsam mit dem Team Allianzen und halte das Momentum aufrecht, das so ein Großprojekt braucht. In den letzten Monaten lag der Fokus auf dem zweiten Bauwende Allianz-Retreat, mit dem Ziel, konkrete Optionen für mehr leistbaren und klimagerechten Wohnraum aufzuzeigen.
Dabei haben wir vier Kern-Herausforderungen identifiziert: Bodenspekulation und überhitzte Immobilienmärkte, ineffiziente Planungsprozesse in Kommunen und Verwaltungen, Neubau-Fixierung statt Bestandserhalt sowie eine lineare Bauwirtschaft, die Ressourcen verschwendet. Aus diesen Themenfeldern sind Arbeitsgruppen entstanden. Ich bringe mich aktuell in der Arbeitsgruppe zu Flächenverteilungsgerechtigkeit und Boden ein, immer mit dem Anspruch, strukturelle Blockaden zu benennen und gemeinsam konkrete Hebel zu finden.
Eine Stadt der kurzen Wege, kühle Innenhöfe, barrierearme Zugänge und stabile Warmmieten, das sind alles spürbare Erfolge, die Vertrauen in unsere Verwaltungen und Demokratie stärken.
Angelika HinterbrandnerWissenschaftliche Büroleitung im Deutschen Bundestag für den Sprecher für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen, Kassem Taher Saleh, Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen, sowie Fellow bei ProjectTogether
Du betonst immer wieder, dass die Bauwende auch mit der Stärkung unserer Demokratie zu tun hat. Was meinst Du damit?
Wohnen ist ein Grundbedürfnis und das Zuhause ist ein Stabilitätsanker. Wo Mieten steigen und Verdrängung droht, entsteht Unsicherheit und Vertrauen in Politik, Verwaltung, Verfahren erodiert.
Eine Stadt der kurzen Wege, kühle Innenhöfe, barrierearme Zugänge und stabile Warmmieten, das sind alles spürbare Erfolge, die Vertrauen in unsere Verwaltungen und Demokratie stärken. Denn wenn der Alltag besser funktioniert, steigen Vertrauen und Resilienz. Entscheidungen werden nachvollziehbarer, die Gesellschaft wird widerstandsfähiger gegen Krisen und Polarisierung. Genau deshalb ist Wohnungspolitik immer auch Demokratie-Politik. Dafür brauchen wir planbare Pfade, klare Standards, verlässliche Förderung und eine faire Lastenteilung zwischen Staat, Vermieter:innen und Mieter:innen.
Aktuell erleben wir jedoch das Gegenteil: Wohnkosten explodieren und Menschen werden anfälliger für vermeintlich einfache Antworten. Eine Studie der Universität Mannheim zeigt, dass ein Anstieg der Mieten um einen Euro pro Quadratmeter die Wahrscheinlichkeit erhöht, rechtsextreme Parteien zu wählen, besonders bei einkommensschwachen Langzeitmieter:innen in Städten. Auch wer selbst nicht direkt betroffen ist, erlebt die Mietsteigerung als Bedrohung des eigenen sozialen Status.
Deshalb brauchen wir Transparenz und Fairness in Hinblick auf offene Daten zu Kosten und Nutzen, verständliche Sanierungspfade, klare Verteilung der Lasten und Schutz vor Überforderung. Wenn Kommunen erklären, wie Entscheidungen zustande kommen und welche Alternativen geprüft wurden, steigt Akzeptanz. Demokratie wird so im Alltag als verlässlicher Rahmen, der Sicherheit gibt und Zukunft ermöglicht, erlebbar.
Ein Kernanliegen der Bauwende Allianz ist, ökologisches und soziales Bauen zusammenzudenken. Wo siehst Du heute schon Beispiele, die zeigen, dass beides gemeinsam gut funktioniert?
Die Leuchtturmprojekte reichen von den Versuchsbauten zum Gebäudetyp E in Bad Aibling bis hin zu großen kooperativen Projekten wie dem Haus der Statistik in Berlin. Auch Wohnprojekte in kommunaler oder genossenschaftlicher Trägerschaft, serielle Sanierungen und Erbbaurecht-Modelle liefern belastbare Ergebnisse.
Was diese Beispiele verbindet, sind Muster der klaren Governance, frühen Nutzer:innen-Beteiligung, gemeinwohlorientierten Boden- und Finanzierungsmodelle, Prioritäten für Bestand, zirkulären Materialien und einfachen, wartungsarmen Lösungen. Solche Projekte sind keine Ausnahmen, sondern Blaupausen, die bereits heute zeigen, dass ökologisches und soziales Bauen bereits heute möglich ist.
Was es jetzt also braucht, sind mehr Mut und Wissen bei den Kommunen, um diese Ansätze zu adaptieren, Regeln zu vereinfachen, Qualitäten zu sichern und Geschwindigkeit zu erhöhen. Und die Ergebnisse offen zu dokumentieren, damit andere schneller nachziehen können.
Im politischen Diskurs wird ökologisches Bauen trotzdem oft gegen bezahlbares Wohnen ausgespielt. Wie können wir dieses Narrativ verändern?
Das vermeintliche Dilemma „entweder ökologisch oder bezahlbar“ ist konstruiert und genau das muss benannt werden. Indem wir zeigen, dass gute Lösungen längst existieren und funktionieren, machen wir deutlich, dass die Gegenüberstellung falsch ist. Statt in „entweder-oder“ zu denken, brauchen wir beides, und zwar gleichzeitig.
Wichtig ist, die Vielfalt der Bedürfnisse sichtbar zu machen. Manche Menschen brauchen vor allem günstigen Wohnraum, andere legen Wert auf höchste ökologische Standards oder gemeinschaftliche Lebensformen. Diese Vielfalt ist kein Widerspruch, sondern der Schlüssel für eine resiliente Bauwende. Jedes Bauprojekt hat eigene Parameter und Anforderungen. Nur wenn unterschiedliche Perspektiven Platz haben, öffnen sich neue Handlungsspielräume und der Diskurs wird plural, nicht polar.
Und zu guter Letzt: Was möchtest Du Menschen mitgeben, die sich für die Bauwende einsetzen?
Jede und jeder kann etwas beitragen. Fassaden und Balkone begrünen, selbst sanieren, sich um Gebäude kümmern, in der Nachbarschaft aktiv werden. Findet Verbündete und baut Koalitionen über Milieus hinweg.
Je rauer die Zeiten, desto wichtiger wird Solidarität vor Ort in dem wir Räume Verantwortung und Erfolge teilen. Baut Brücken zwischen Disziplinen, teilt Werkzeuge, sprecht offen über Hindernisse. So wird aus einzelnen Projekten eine mutige, pragmatische und solidarische Bewegung. Bauwende für alle eben.
Danke für das Gespräch, liebe Angelika, und viel Erfolg bei Deinen weiteren Projekten!
Das Interview führte Nina Schiegl
Erfahre mehr:
- LinkedIn-Profil von Angelika Hinterbrandner
- Website der Bauwende Allianz
Foto von Angelika Hinterbrandner: Oliver Magda
Cover-Foto dieses Beitrags: Leander von Thien