Jonathan Imme, Co-Founder der „European Housing Coop“, unterstützt ProjectTogether für die Bauwende Allianz als Fellow. Im Interview spricht Jonathan darüber, wie Wohnungsbaugenossenschaften bezahlbares Wohnen sichern und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen können.
Lieber Jonathan, als Initiator der „European Housing Coop" hast Du ein breites Netzwerk im Bereich der Genossenschaften und des gemeinschaftlichen Wohnens gegründet. Jetzt engagierst Du Dich für die Bauwende Allianz als Fellow. Wie kam es dazu?
Ich hatte schon vor dem offiziellen Launch der Bauwende Allianz von dem Vorhaben gehört und dachte mir: „Oh, das klingt nach einer großen Schnittmenge.” Einerseits beim Thema, also wie klimagerechtes Umbauen und bezahlbares Wohnen zusammen gelingen kann. Und andererseits auch beim methodischen Ansatz der Allianz, also dem kuratierten Zusammenführen unterschiedlichster Akteur:innen, die sich gemeinsam für ein großes Ziel in der Gesellschaft einsetzen wollen.
Dann habe ich mich mit dem Team der Bauwende Allianz getroffen und wir haben schnell gemeinsam gemerkt, dass unsere Schnittmenge wirklich hoch ist. Denn sie waren gerade abei, das Thema des bezahlbaren Wohnens und auch die Verbindungen in die Genossenschaftswelt aufzubauen. So hat sich die Idee einer Zusammenarbeit mit mir als Fellow der Bauwende Allianz recht organisch ergeben.
Was machst Du in Deiner Rolle als Fellow konkret? Was möchtest Du mit Deinem Engagement bewirken?
Im Frühjahr dieses Jahres habe ich ein mehrtägiges Retreat der Bauwende Allianz zum Thema bezahlbares, ökosoziales Wohnen mitgestaltet. Denn durch meine Erfahrung mit der European Housing Coop habe ich einen weiten Blick auf die Wohnungskrise in europäischen Großstädten und auf unterschiedliche Lösungsansätze.
In meiner Fellow-Rolle in der Allianz will ich deshalb vor allem zu zwei essentiellen Fragen mitwirken: Wie können wir auch in Deutschland das Potenzial leerstehender Büro- und Gewerbeimmobilien für den Umbau in bezahlbare Wohnräume besser nutzen? Und wie können wir Genossenschaften und andere verantwortungsvolle Projektentwickler:innen, die mehr gemeinwohlorientierte Wohnräume entwickeln wollen, durch neue Kollaborationsansätze beflügeln?
Wohnungsbaugenossenschaften zeigen seit 150 Jahren in Deutschland, dass sie als ein gutes Modell funktionieren, um bezahlbares Wohnen in Städten zu organisieren und über Generationen hinweg zu sichern.
Jonathan ImmeCo-Founder der European Housing Coop, Fellow bei ProjectTogether
Warum sind Genossenschaften Deiner Meinung nach ein wichtiger Baustein für die Bauwende?
Wohnungsbaugenossenschaften zeigen seit 150 Jahren in Deutschland, dass sie als ein gutes Modell funktionieren, um bezahlbares Wohnen in Städten zu organisieren und über Generationen hinweg zu sichern. Sie machen Bürger:innen zu gemeinschaftlichen Eigentümer:innen und Mitgestalter:innen, bringen Ruhe und innere Sicherheit in die Wohnfrage und wirken gleichzeitig der Spekulation mit Immobilien und Boden entgegen. Die meisten Genossenschaften haben durch ihre langfristige Perspektive auch einen geschärften Blick für nachhaltiges Bauen.
Wenn man sich anguckt, wer in Deutschland und auch an vielen anderen Orten in den letzten 15 Jahren die Leuchtturmprojekte mit Holzbau, klimaneutraler Energieversorgung, klug umgesetzten Gemeinschaftsräumen und einem Fokus auf nachhaltiger Mobilität gebaut hat, der stößt erstaunlich oft auf genossenschaftliche Projekte. Dazu ermöglichen viele Genossenschaften Wohnen im Gemeinschaft, etwas das sich gerade viele Großstädter:innen heute so sehnlich wünschen.
Und vor dem Hintergrund immer stärkerer Polarisierung denke ich mir, dass es nicht nur gut fürs Klima und die von der Wohnungskrise geplagten Menschen wäre, wenn wir aus dem 5 %-Anteil der Genossenschaften am deutschen Wohnungsmarkt einmal 20 % machen könnten. Es wäre auch ein echt guter Motor für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Mit der European Housing Coop arbeitest Du an der Idee einer paneuropäischen Genossenschaft. Was steckt dahinter?
Ich bin mit der Idee eines offenen, gemeinsamen Europas sozialisiert worden. Ein Europa voller Möglichkeiten, in dem wir dort gut wohnen können, wo uns die Liebe, die Familie und die Arbeit entlang unseres Lebens so hintragen. Daran rüttelt die Wohnungskrise in den großen oder beliebten Städten aktuell aber erheblich.
Hinter der European Housing Coop steckt die Überzeugung, dass es viele Menschen und Unternehmen in Europa gibt, die diese Kräfte der Wohnungskrise in Kombination mit der Klimakrise und der gesellschaftlichen Spaltung sehen und etwas bewegen möchten. Aktuell explorieren wir, wie eine europäische Genossenschaft aussehen kann, die die Entstehung von perspektivisch tausenden neuen, bezahlbaren Lebensorten in Städten ermöglicht und zu einem starken Netzwerk an gemeinschaftlich nutzbaren Orten verbindet.
Es ist ein optimistisches, gesellschaftspolitisches Projekt. Aber es geht auch um die Entwicklung eines tragfähigen sozialunternehmerischen Modells. Wir müssen nicht nur Ideen für besseres Wohnen, sondern auch viel Kapital mobilisieren. Es soll sich auf allen Ebenen lohnen, mitzumachen und Mitglied einer europäischen Dachgenossenschaft zu werden.
Welche Herausforderung löst eine europaweite Struktur, die nationale Genossenschaften allein nicht lösen können?
Lokale Genossenschaften sollten mindestens so gute Voraussetzungen haben, wie multinationale Wohnungskonzerne. Deshalb schauen wir uns gemeinsam mit lokalen und nationalen Genossenschaften gerade mehrere Felder an, wo eine europäische Struktur einen großen Hebel entfalten könnte:
Erstens, Impact-Kapital zu guten Konditionen zu organisieren. Zweitens, Gewerbeobjekte im Privateigentum mit Umbaupotenzial aufzuspüren. Drittens, Evaluation, Planung und Umbau von Büro- zu Wohnprojekten schneller und kostengünstiger durch ein gemeinsames Know-How und KI hinzukriegen. Viertens, Partnerschaftsmodelle mit Unternehmen und Start-ups aus der Bauwirtschaft zu entwickeln. Fünftens, flexiblere Wohnangebote mit Querfinanzierungspotenzial für Genossenschaften integrierbar zu machen. Und sechstens, für die junge Generation vielleicht das Wichtigste: ein Modell aufzubauen, bei dem alle mitmachenden Bürger:innen die Aussicht haben, ein Leben lang bezahlbar und genossenschaftlich wohnen zu können. Nicht nur in ihrer aktuellen Stadt, sondern in einer stetig wachsenden Zahl europäischer Städte. In einem Europa voller Möglichkeiten.
Ein Kernanliegen der Bauwende Allianz ist, ökologisches und soziales Bauen zusammenzudenken. Wo siehst Du heute schon Beispiele in Genossenschaften, die zeigen, dass beides gemeinsam gut funktioniert?
Es gibt an so vielen Orten inspirierende Beispiele: In Hamburg baut die Bergedorf Bille-Genossenschaft ihren alten Bürohauptsitz zu Wohnungen mit Gemeinschaftsflächen um, in der Innenstadt verwandelt die Gröninger Hof-Genossenschaft ein altes Parkhaus in einen Ort für Hamburger, für Gäste, für Kultur und das Quartier. In Berlin hat die Ostseeplatz-Genossenschaft in der Lynarstraße kostengünstigen, aber hochwertigen Holzbau vorgemacht. Oder in München, wo die Kooperative Großstadt und die Wagnis Wohnbaugenossenschaft zeigen, dass auch in Deutschlands teuerster Stadt Neubauprojekte mit hohem ökologischen Standard bezahlbar werden können.
Und zu guter Letzt: Was möchtest Du Menschen mitgeben, die sich für die Bauwende einsetzen?
Ich versuche mich gerade an langen Wintertagen selbst daran zu erinnern: Wir Menschen haben uns in diese hochkomplexe Melange aus Klimakrise und Wohnungskrise hineinmanövriert. Dann kriegt doch ein breiter Schulterschluss aus motivierten Menschen mit langem Atem uns da auch irgendwie wieder raus. Und so wie ich die Bauwende Allianz kennengelernt habe, ist das ein wunderbarer Treffpunkt für Optimist:innen. Vielleicht können wir 2026 auch dafür nutzen, um gemeinsam unsere großen Ambitionen noch größer, noch mutiger zu machen.
Mein Bauchgefühl sagt, dass es wahrscheinlich weniger die eigentlich so eindrucksvollen Statistiken und Fakten zur Wohnungs- und Klimakrise sind, mit welchen wir eine breitere Gesellschaft bewegen können. Sondern die starken Zukunftsbilder und die eigenen Erlebnisse, wie wir als Gesellschaft das Umbauen und Wohnen auch anders organisieren, finanzieren und gestalten können. In diesem Sinne freue ich mich auf die weitere Zusammenarbeit mit der Bauwende Allianz.
Danke für die Einblicke und viel Erfolg bei Deinen weiteren Projekten, lieber Jonathan!
Das Interview führte Nina Schiegl
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