SuperCoop | #ClimateActionChallenge

SuperCoop | #ClimateActionChallenge

SuperCoop | #ClimateActionChallenge

Wir haben mit der #ClimateActionChallenge Projekte gesucht und gefunden, die Antworten auf die Frage „Wie?“ wir das alles lösen geben. In den kommenden Wochen werden wir euch 8 dieser Lösungsansätze, ihre Ziele und auch die Gründer*innen dahinter vorstellen. Seid gespannt und freut euch auf spannende Einblicke in die Welt derer, die heute im Tun testen, wie die Gesellschaft von Morgen aussieht.

Teil 4: SuperCoop

Dieses Interview wurde von Nicolas Kleenworth mit Johanna Kühner, einer der Gründer*innen von SuperCoop geführt. SuperCoop ist Teil unserer #ClimateActionChallenge.

Nicolas:

Was ist eigentlich SuperCoop, wie wird es ausgesprochen und was macht ihr da?

Johanna:

SuperCoop (mit kleiner Pause zwischen “co” und “op” gesprochen), das „coop“ steht für Kooperative. 

SuperCoop ist ein genossenschaftlicher Supermarkt, der all seinen Kunden gehört. Jeder Kunde, der dort einkaufen geht, ist auch Anteilseigner der Genossenschaft und kann deshalb mitentscheiden. Er/Sie arbeitet gleichzeitig auch 3 Stunden pro Monat im Supermarkt mit. Bei ganz unterschiedlichen Aufgaben. Das kann an der Kasse, beim Einräumen der Ware oder auch beim Website mitgestalten sein. Durch diese Kooperation, eine niedrige, fixe Marge und geringe Marketingkosten, können wir unseren Mitgliedern sehr gute, nachhaltige Produkte zu vernünftigen  Preisen anbieten. Das liegt auch daran, dass wir als Supermarkt fungieren und große Mengen einkaufen. Damit ermöglichen wir am Ende mehr Menschen den Zugang zu nachhaltigen, unverpackten Produkten.

 

Seid ihr da selber drauf gekommen oder gab es die Idee schonmal vorher?

 

Da sind wir nicht selber drauf gekommen. Es gibt seit 1973, also seit ca. 47 Jahren in New York, schon einen kooperativen Supermarkt. Dieser heißt Park Slope Food Coop. 

Darüber wurde ein Dokumentarfilm von einem US-Amerikanischen Filmemacher gedreht, der allerdings in Paris wohnt. Nachdem er diesen Dokumentarfilm gedreht hat, war er selbst davon so inspiriert, dass er 2016 seinen eigenen Supermarkt [La Louve] in Paris gegründet hat.  Und einer meiner Mitgründer, Robin, ist Mitglied dieser Food Coop in Paris. Dieser zählt mittlerweile 6.000 Mitglieder und Robin hat sich hier in Berlin gewundert, dass es kein vergleichbares Projekt gibt. Er wollte sofort mit dem Aufbau starten und so ist nach und nach unser Projektteam entstanden.

 

Und, wie funktioniert das ganz genau? Also gehe ich hin und sag „Hey, ich will Mitglied werden“, arbeite meine drei Stunden und kann dann einkaufen? Gibt es Mitgliedsbeiträge oder sowas?

 

Die Mitgliedsbeiträge sind die 3 Stunden pro Monat, die man arbeitet. Man kauft einmalig einen Anteil für 100 €. Für Geringverdiener, Sozialhilfeempfänger und Studierende sind es nur 10 €. Es ist uns wichtig, inklusiv zu sein und verschiedene Einkommensklassen anzusprechen. Nur, wenn man die 3 Stunden im Monat arbeitet, kann man dann auch in dem Monat einkaufen gehen.

 

 

Fällt man dann irgendwann aus dem System raus und muss sich wieder einkaufen oder bleibt man trotzdem dabei und, sobald man wieder anfängt zu arbeiten, darf man wieder einkaufen?

 

Genau, dann darf man wieder mitmachen. In New York und Paris haben sie eingeführt, dass, wenn man seine Schicht verpasst, 2 Schichten nachholen muss. Sozusagen eine Strafschicht im nächsten Monat. Es gibt jedoch auch Ausnahmen: Zum Beispiel, wenn man aufgrund von Alter, Krankheit oder in der Elternzeit nicht mithelfen kann.

 

6.000 Menschen, das ist ja echt ganz schön viel für einen Supermarkt. Also in Paris und in New York sind es vermutlich noch ein paar mehr …

 

In New York sind es 17.000.

 

Steht man sich dann nicht irgendwann auf den Füßen?

 

Ja, also das tun sie in New York tatsächlich. Da sind es aber auch wirklich 17.000 Mitglieder für 1.700 qm Supermarkt, das ist natürlich eine große Anzahl an Menschen. Sie haben mittlerweile auch eine Zeitung, die von den Mitgliedern herausgegeben wird. Die Zeitung heißt „The Linewaiters’ Gazette“, weil der Supermarkt so überfüllt ist, dass man die ganze Zeitung quasi lesen kann während man in der Schlange steht.

 

Ist eure Hoffnung, dass es auch mal so sein wird?

 

Wir hoffen nicht unbedingt auf die gleichen Anstehzeiten, aber natürlich schon, dass es einen großen Andrang geben wird. Allerdings ist die Situation in Paris deutlich entspannter, dort haben sie aber auch 1.450 qm insgesamt und gerade „nur“ 6.000 aktive Mitglieder. 

Wir haben uns das bei einem Teamausflug angeschaut und uns mit dem Gründer ausgetauscht. Von ihm haben wir erfahren, wie es bei ihnen funktioniert und wie sie gestartet sind. Ich war auch noch in Brüssel, wo es nach dem gleichen Konzept auch ganz gut funktioniert. Und ja, es ist trotz steigender Mitgliederzahlen nicht ganz so überfüllt wie in New York.

 

Und wie spielt die deutsche Reglementierung da mit? Also man kann sich ja schon vorstellen, dass es in der deutschen Bürokratie Schwierigkeiten gibt oder funktioniert das ohne Probleme?

 

Ja, da werden bestimmt noch ein paar Herausforderungen auf uns zukommen. Schon mit der ganzen Gründungs-Bürokratie… das sind aber alles Sachen, die wir schaffen  können. Zum Beispiel wie man eine Genossenschaft gründet, die ganzen Hygienevorschriften, wie wir Räumlichkeiten nutzen, wie man Lebensmittel kühlt, und so weiter. Das sind die Dinge, die wir jetzt schon sammeln und uns anschauen, wie das funktionieren kann. 

Ich denke, dass gerade die Unverpackt Läden in Berlin, aber auch Sirplus, zeigen, dass es möglich ist und dass der Lebensmitteleinzelhandel nicht nur den riesigen Ketten gehört, sondern, dass man auch was von unten anstoßen kann.

 

Wo du schon von Hygienevorschriften, Lagerung und so weiter gesprochen hast, wird es nur von den Freiwilligen getragen oder gibt es dann noch Menschen, die angestellt sind und ein Auge darauf haben, dass es funktioniert?

 

Ja, es gibt auch Angestellte. Mit nur 3 Stunden pro Monat kann man keinen Supermarkt managen. Von Anfang an wird es deshalb Angestellt geben, die sich um den Einkauf und das Mitgliedermanagement kümmern. 

Wir werden von La Louve auch ein IT-System übernehmen – für das Mitgliedermanagement, den Einkauf der Produkte, die Buchhaltung und Unternehmensstrategie. Am Ende sind wir ein Unternehmen, von dem nur die Mitglieder profitieren sollen und es gibt keine Shareholder, an die irgendwas ausgezahlt wird. Aber es muss sich auch finanziell selbst tragen, um Miete, Personal und alle weiteren Kosten decken zu können.

 

Wer bist du eigentlich und wie bist du dazugekommen?

 

Ich habe nach der Schule bei der Tafel gearbeitet und ich interessiere mich dafür, warum es  Lebensmittelverschwendung gibt und was in unserem Ernährungssystem schiefläuft. Gerade auch im Lebensmitteleinzelhandel beziehungsweise schon in der Produktion. Und ich habe mir die Frage gestellt, warum sind es gemeinnützige Initiativen, die “gute Sachen” machen und Unternehmen, die “böse Sachen” machen? Das fand ich doof, weil ich den unternehmerischen Gedanken positiv finde. Dann bin ich auf das Konzept des Sozialunternehmertums gestoßen. Also, wie man unternehmerische Mittel dazu nutzen kann, etwas Positives zu erreichen und sich unabhängig zu machen von Spenden, um etwas Gutes zu tun. 

Nach dem Studium bin ich nach Berlin gekommen, um zu arbeiten. Da habe ich Robin kennengelernt, der das Konzept nach Berlin tragen wollte. Das hat den sozialunternehmerischen Aspekt, passt aber auch thematisch sehr gut zu meinen Interessen. Aber auch ein eigenes Projekt zu starten, etwas umzusetzen ist unglaublich spannend, das hat dann alles gut zusammengespielt. 

 

 

Wo steht Ihr jetzt? Habt Ihr schon gegründet?

 

 

Robin ist vor ungefähr einem Jahr mit der Idee gekommen. Mit den ersten Mitstreiter*innen gab es erstmal eine Whatsapp-Gruppe, hunderte Nachrichten und totales Chaos. Langsam ist aus dem Chaos ein Projektteam mit regelmäßigen Treffen geworden. Wir sind jetzt schon übergangsweise eine GbR und ein Verein in Gründung. In den nächsten Monaten soll dann daraus eine Genossenschaft entstehen. Hauptsächlich kümmern wir uns gerade um die Finanzierung, den Standort und das Beschaffen der Produkte. 

Natürlich auch um den Aufbau von unserer Gemeinschaft und die späteren Kunden. So ein gemeinschaftlicher Supermarkt kann natürlich erst dann eröffnen, wenn schon Menschen da sind, die mitmachen wollen.

 

Gibt es bei euch im Team schon Gründungserfahrungen oder hast du selber schon ein Unternehmen oder eine Initiative oder sowas gegründet?

 

Ich war im Vorstand von einem Enactus Team an meiner Uni und da haben wir mehrere Projekte mit angestoßen. Gründen ist im universitären Umfeld natürlich ein bisschen was anderes. Wir haben trotzdem viel gelernt darüber, wie man ein Team aufbaut oder Projekte aufzieht und haben viele verschiedene Bereiche kennengelernt. 

Unser Team bei SuperCoop hat unterschiedliche Hintergründe. Viele, die schon gearbeitet haben und jetzt sagen, dass sie ein eigenes Projekt machen wollen. Manche, die immer noch arbeiten und SuperCoop nebenher machen. Andere, die gesagt haben, dass sie jetzt Lust haben, das wirklich mal in Vollzeit durchzuziehen oder auf Teilzeitstellen gewechselt sind. Auch vom Alter und den Erfahrungen her sind wir unterschiedlich. 

Ich glaube, es hat noch niemand ein eigenes Unternehmen gegründet und wir lernen jeden Tag sehr viel. 

Ich glaube, es ist super wichtig, dass es Initiativen wie ProjectTogether gibt, die uns dabei unterstützen, weil wir viele Erfahrungen im Gründungsprozess noch nicht gemacht haben. Wir haben schon auf einige Experten und Ressourcen bei euch zurückgegriffen, was immer hilfreich war.

 

Ihr seid ja auch Teil der #ClimateActionChallenge-Kohorte jetzt, wie seid ihr dazu gekommen und wie findet ihr das?

 

Wir haben uns als Projektteam beim Sensecamp in Berlin kennengelernt. Das war Oktober 2018. Damals haben Philipp und Michael eine Keynote gehalten und dadurch sind wir auf ProjectTogether aufmerksam geworden. Wir haben das erstmal nicht direkt weiterverfolgt, weil wir uns selbst erst einmal ordnen mussten. Dann gab es die ClimateActionChallenge, bei der wir uns beworben haben. 

Wir waren auch in Brandenburg, bei einem ChangemakerXChange dabei. Es hat richtig viel Spaß gemacht, sich mit den anderen Projekten der ClimateActionChallenge auszutauschen. Wir sind wir immer noch im Kontakt und versuchen uns gegenseitig zu unterstützen. Wir haben Menschen dabei, die von der landwirtschaftlichen Seite kommen, wir selbst kommen aus dem Lebensmitteleinzelhandel. Außerdem waren Projekte dabei, die sich mit Nachbarschaften und Konsumbewusstsein beschäftigen. Das auf einer systemischen Ebene zu betrachten war total hilfreich.

 

Die systemische Ebene schieben wir einmal kurz nach hinten.

Diese Kooperation mit anderen Projekten… Ich habe im Gespräch vom Green New Deal mitbekommen, dass ihr, zusammen mit denen und Ackercrowd, eine Umfrage erarbeitet, was ist das, was wollt ihr da erfragen?

 

Wir haben für unsere Projekte festgestellt, dass wir ähnliche Sachen herausfinden wollen. Und da war unsere Idee, dass wir das einfach zusammen machen können, um mehr Menschen damit zu erreichen. So können wir gegenseitig von unseren Ergebnissen profitieren. 

 

Jetzt zum systemischen Denken… Das ist ja der Ansatz, den wir versuchen euch Gründer*innen mitzugeben. Der verstärkt sich jetzt gerade in der ClimateActionChallenge. Hattet ihr vorher schon ähnliche Gedanken bezüglich eines systemischen Ansatzes und falls ja, hat der sich geändert und falls nein, was hat sich für euch (bzgl. des Denkens) verändert?

 

Ich glaube, für uns hat sich das insofern geändert, als dass wir besser verstehen, wie das in einem Projekt auch angewendet werden kann. Systemische Veränderung war mir schon ein Begriff, aber was das konkret für Projekte und deren tägliche Arbeit bedeuten kann, wie wir gemeinsam daran teilnehmen und lernen können, ist definitiv ein Learning durch die Teilnahme an der Challenge. Wir haben im Rahmen sehr viel gegenseitig gelernt und uns überlegt, wie wir besser kooperieren können, um dann wirklich auch Teil eines solchen systemischen Wandels zu sein und das nicht nur beschränkt für einzelne Projekte.

 

 

Bezüglich des systemischen Ansatzes möchte ich wissen: 

         Was ist denn das System, in dem ihr seid und was ist euer Wirkungsbereich?

 

Wir sehen unseren Wirkungsbereich im Ernährungssystem. Das ist immer noch ein weiter Begriff. 

Wir wollen einen systemischen Wandel anstoßen und den Gedanken des kooperativen Wirtschaftens, unabhängig von der Industrie, verankern. Wir wollen die Frage stellen: „Wie können wir andere Geschäftsmodelle aufbauen? Wie können wir zum Beispiel Genossenschaften für mehr Partizipation und Gemeinschaft nutzen? Und wie kann man das alles in spezifischen Lebensbereichen verankern?“

Aber es geht bei uns natürlich auch um den thematischen Aspekt der Ernährung und die Frage, wie wir Lebensmittel fair, nachhaltig und transparent von den Produzenten zu den Verbrauchern bringen. 

 

Was wäre, wenn alle in eurem Sektor eure Lösung machen? Deswegen würde ich dich einmal folgenden Satz vervollständigen lassen:

         „Wenn alle im Ernährungssystem unsere Lösung anwenden, dann…“

werden nachhaltige Produkte zu normalen Produkten und alle profitieren von einem fairen System, in dem es weniger Verschwendung und mehr Wertschätzung gibt.

 

Dann war es das quasi schon, eine Frage habe ich noch. Dadurch, dass du jetzt auch schon seit einem Jahr dabei bist, hast du auch schon Erfahrungen gemacht… Was wäre der Tipp, den du dir vor einem Jahr geben würdest?

 

Ich glaube, dass das Team super wichtig ist. Und, dass man von Anfang an viel Wert darauf legen sollte, sich im Team gut kennenzulernen, und sich gut zu verstehen. Es geht nicht nur darum, thematisch so schnell wie möglich voranzukommen. Man sollte sich Zeit dafür nehmen, um auszuloten, wer welche Rolle einnimmt, wer in welcher Funktion wie gut ist sowie wer wie langfristig und ernsthaft dabei sein will. Es war wichtig zu lernen, dass das gut investierte Zeit ist. 

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