Ackercrowd | #ClimateActionChallenge

Letzte Woche Freitag war der 4. globale Klima-Streik, dieses Mal sind über 600.000 Menschen in ganz Deutschland für eine bessere Klimapolitik und eine nachhaltige Lebensweise auf die Straße gegangen. Seitdem wir auf die Straße gehen und für ihre Zukunft kämpfen, hat die Aufmerksamkeit für die globale Herausforderung des Klimawandels rasant zugenommen – alle Entscheidungsträger*innen sind jetzt gefragt unter Druck zu handeln. Nie war mehr Bewegung als jetzt. Aber damit aus diesem Momentum echte Veränderung wird, brauchen wir viele konkrete Lösungen, die uns zeigen, wie wir klimaschonend leben können. Wir wissen alle, wie wir in Zukunft nicht weitermachen können, aber wir haben noch kein klares Bild, wie wir stattdessen leben können.  Dass wir klimaschonend leben müssen, das wissen wir, aber in vielen Feldern wissen wir noch nicht wie. 

Wir haben mit der #ClimateActionChallenge Projekte gesucht und gefunden, die Antworten auf die Frage „Wie?“ wir das alles lösen geben. In den kommenden Wochen werden wir euch 8 dieser Lösungsansätze, ihre Ziele und auch die Gründer*innen dahinter vorstellen. Seid gespannt und freut euch auf spannende Einblicke in die Welt derer, die heute im Tun testen, wie die Gesellschaft von Morgen aussieht.

Teil 1: Ackercrowd

Das Interview wurde von Nicolas Kleenworth mit Reenie Vietheer und Sinjo Neitsch, den Gründer*innen von Ackercrowd geführt. Ackercrowd ist Teil unserer #ClimateActionChallenge

Nicolas: Was ist Ackercrowd?

Sinjo:

Ackercrowd ist eine Crowdfundingplattform für Bauernhöfe, welche auf nachhaltige Landwirtschaft umstellen. Damit kann der Endkonsument die Agrarwende vom Sofa aus voranbringen und bekommt dafür geile Produkte aus der Region von dem Bauernhof oder auch anderen Bioproduzenten direkt nach Hause. Das steigert die Akzeptanz für die Landwirtschaft, was aktuell ein sehr großes Problem ist. Das führt zu einer Win-Win-Win Situation. Der Landwirt kann seine Produkte regional absetzen und bekommt eine höhere Akzeptanz. Der Endverbraucher wird aufgeklärt über den Ursprung und kann in seiner Region die Landwirtschaft nachhaltig unterstützen. Die Natur profitiert u.a. durch gesteigerte Biodiversität und weniger Grundwasserbelastung.

Warum ist die Akzeptanz für die Landwirtschaft ein Problem?

Sinjo:

Die Akzeptanz der Landwirtschaft ist ein großes Problem, weil die Lücke zwischen Endverbraucher und Landwirt größer wird. Der Endverbraucher möchte Tierwohl, Nachhaltigkeit, Transparenz und Regionalität. Die Landwirtschaft ist freiwillig an das Tierwohllabel gebunden (dies gibt es bisher nur für Schweine), aufgrund der intensiven Bearbeitung leidet die ökologische Nachhaltigkeit (schwindende Biodiversität, Humusabbau, belastetes Grundwasser), der Endverbraucher hat kein Bild von der industriellen Landwirtschaft, weil hier die Transparenz fehlt (bzw. die Aufklärung eventuell zu brutal wäre, Beispiel Tierhaltung) und die Lebensmittel kommen nur zu einem sehr geringen Anteil aus der Region, da der Preisdruck hoch ist und der Handel billigere Lebensmittel importiert.

Bevor wir mit Fragen zu Eurem Projekt weitermachen: Wer sind eigentlich Reenie und Sinjo und was motiviert Euch die „Agrarwende vom Sofa aus“ möglich zu machen?

Reenie:

         Ich bin Reenie, 31 Jahre alt und bin Wirtschaftsingenieurin für erneuerbare Energien, also alles, was mit der Energiewende zu tun hat. Ich habe 2007 mein Studium begonnen und dann ab 2013 in dem Bereich gearbeitet. Dann habe ich mich aber damit beschäftigt, wofür ich eigentlich stehe, was genau mein Zweck der Existenz ist.

Das ist, für mich, Bewusstsein zu schaffen für Klimaschutz. Deswegen treibe ich solche Themen voran und da gehört die Agrarwende genauso dazu, wie die Energiewende. Für mich geht es auch Hand in Hand, es ist ein Gemeinschaftsthema, was die Klimakrise angeht. Deswegen müssen alle Sektoren zusammen sich für dieses gemeinsame Ziel engagieren.

Sinjo:

         Ich bin Sinjo, 36 Jahre (alt), ich bin ein absoluter Quereinsteiger. Ich habe Industriemechaniker gelernt, weil ich, nach der 10. Klasse, keinen Bock mehr auf Schule hatte. Danach habe ich [eine Ausbildung zum] Maschinenbautechniker gemacht. Nach dieser hatte ich total Bock auf Agrarwissenschaften und habe diese dann auch deswegen im Bachelor studiert, fand dann erneuerbare Energien total spannend und habe mich dann im Master spezialisiert. Genauso wie Reenie habe ich dann 3 Jahre im Bereich der erneuerbaren Energien gearbeitet, vor allem Projektmanagement im Bereich der Windenergie.

         Wir haben dann im letzten Jahr ein Sabbatjahr gemacht und uns dabei einerseits mit uns selber beschäftigt, was wir eigentlich können und wollen und andererseits haben wir uns überlegt, womit wir die Zukunft verbringen wollen. Dabei sind eine Menge Ideen entstanden und eine davon ist eben Ackercrowd und die probieren wir jetzt aus.

Das ist ja quasi die perfekte Überleitung. Wann hattet Ihr denn die erste Idee für Ackercrowd? Dieses Jahr oder schon im letzten?

Reenie:

         Wir waren im März (dieses Jahres) bei Naranjas del Carmen. Die haben Crowdfarming in Spanien erfunden. Und weil wir diese ganzen anderen Ideen schon im Kopf hatten, war das bei uns der Auslöser, zu sagen: „Ja, man kann Pate von einem Baum sein, einem Orangenbaum, aber was hat den größeren Impact?“ Da sind wir auf die Idee gekommen, dass wir mehr nachhaltige Landwirtschaft brauchen. Und warum kann man das nicht mit einer Patenschaft, mit dem Endkunden, verbinden?

Habt ihr dann direkt angefangen oder hat es noch eine Weile gedauert Ackercrowd umzusetzen?

Reenie:

         Wir haben dann im April einen Workshop mit Freunden gemacht. Dort haben wir viele der Ideen, die wir in dem Sabbatjahr hatten, vorgestellt. Mit diesen Freunden haben wir dann priorisiert, dass Ackercrowd die erste Idee ist, die wir umsetzten, weil es den (notwendigen) Impact hat. Es ist jetzt an der Zeit die Beziehung zwischen Endkunden und Landwirten voranzutreiben. Nach April haben wir bereits daran gearbeitet und haben auch vielen Leuten davon erzählt.

Sinjo:

         Wir haben den Frühsommer damit verbracht, mit möglichst vielen Menschen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu sprechen, natürlich auch mit vielen Landwirten. Mit diesen haben wir über ihre Nöte und Sorgen gesprochen und versucht in unser Konzept einzuarbeiten. Diese Gespräche führen wir auch heute noch.

Heißt das, dass ihr zusammen mit der #ClimateActionChallenge angefangen habt?

Reenie:

         Ja, das passt voll gut. Nur weil wir diese Idee hatten, sind wir auf die Challenge aufmerksam geworden.

Und was waren Eure ersten Schritte?

Sinjo:

         Das Konzept ausarbeiten und ein tragfähiges Geschäftsmodell daraus zu machen. Damit beschäftigen wir uns immer noch mit. Da war ProjectTogether total hilfreich, in die Social Entrepreneurshipszene hereinzukommen. Dort haben wir uns mit Leuten ausgetauscht und das hat uns vom Selbstbewusstsein und auch von der Motivation sowas von gepusht, weiter an diesem Thema dranzubleiben. Es ist ja schon ein bisschen verrückt, was wir machen, zumindest, wenn man „normale“ Menschen fragt. Aber gerade diese Community hat uns darin bestärkt, weiter am Ball zu bleiben. Wir haben auch ganz viele Details gelernt – über Crowdfunding, wie man sich vernetzen und austauschen kann.

Reenie:

         Ja, und vor allen  Dingen auch dieses systemische Denken. Dieser Impuls kam von ProjectTogether. Wir haben bei dem CXC (ChangemakerXchange) diese Methode kennengelernt und da habe ich total gemerkt, dass das zu mir passt und auch zu unserem Thema. Denn Landwirtschaft ist ein System, in dem viele Dinge verändert werden müssen. Die Community hat uns wirklich bestärkt. Hier in Oldenburg (Ackercrowd ist Teil des Förderprügramm des “GO! Start-up Zentrum Oldenburg”) ist nicht der Fokus auf Social Entrepreneurship. Es wird eher auf die Fakten und die Geschäftsmodellentwicklung geachtet. Entsprechend finden wir die Community total hilfreich, was den Nachhaltigkeitsgedanken angeht.

Wie Sinjo richtig sagt, hat uns das wirklich gepusht, unsere Idee weiterzuverfolgen.

Nochmal zurück auf das systemische Denken, das Du angesprochen hast, da das einer unserer Fokuspunkte aus dem Coaching ist. Was hast Du da konkret gelernt und was setzt Du/Ihr davon um? 

Reenie:

         Ich fand dieses Modell mit den 5 Rs (Resources Rules Roles Relationships Results), das fand ich total gut, weil da kann man nochmal gucken mit welchem System man sich beschäftigt. Und auch die Frage, in welchem System wir welche Rolle verändern, beziehungsweise welche Beziehungen und wozu das führt. Das haben wir alles beim CXC gelernt, als wir in Brandenburg waren, und das Schaubild hängt hier an der Wand. Das Schaubild ist total schön und hilft mir nochmal das Thema einzuordnen.

Fast schon zum Abschluss, würde ich Euch gerne bitten, den folgenden Satz zu vervollständigen: Wenn alle Menschen in unserem Sektor unsere Lösung umsetzen würden, dann… 

Reenie:

         … haben wir in Deutschland, bzw. Europa, mehr nachhaltige Landwirtschaft.

         … haben wir eine neue Beziehung zwischen Endkunden und Landwirt.

Sinjo:

         … haben wir eine gesündere Ernährung.

Reenie:

         … haben wir eine Möglichkeit, mit Hilfe der nachhaltigen Landwirtschaft mehr CO2 zu speichern, Humus aufzubauen, die Biodiversität zu steigern und unser Grundwasser zu schützen.

         … gibt es wieder mehr Verständnis für die Landwirtschaft.

Vielen Dank für das Interview an Reenie und Sinjo von Ackercrowd. Wer mehr über die Gründer*innen erfahren und sie unterstützen will, kann sich hier weiter umschauen: NWZOnline Artikel

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